Rezension:
Die Geschichte ist es wert, erzählt zu werden, wenigstens in ihrer Kurzform: Im Jahre 1972 nahm ein ziemlich brillanter Songwriter für ein kleines Label sein Solo-Debüt "Red Hash" auf. Leider wurde er kurz nach Fertigstellung verhaftet, weil er sich beim Verkauf illegaler Rauchwaren hatte erwischen lassen, und mußte eine zweijährige Zwangspause einlegen. Nach seiner Entlassung versuchte er zwar zunächst, seine Musikkarriere wieder aufzunehmen, doch seine Platte war mangels Marketing und Künstler-Präsenz längst vergessen. Immerhin gelang es ihm, eine Existenz aufzubauen und sich sogar vom Staat New York anstellen zu lassen (sozialer Dienst). Soweit, so gut. Auftritt Ben Chasny (Six Organs Of Admittance). Der ergatterte ein Exemplar des inzwischen hochgehandelten (wovon dessen Schöpfer freilich nichts wußte) Albums und erzählte jedem, der es wissen wollte, von dessen Großartigkeit. Unter anderem Drag City-Labelchef Zach Cowie. Der fing Feuer und rief jeden Gary Higgins im Telefonbuch an, bis er den richtigen in der Leitung hatte. Der nächste Schritt war, besagte 72er LP wiederzuveröffentlichen, wodurch so etwas wie ein Sturm in der US-Folk-Szene ausgelöst wurde und Higgins plötzlich populärer war als je zuvor. Cowie wollte daraufhin mehr Material, vielleicht ein paar Prä-"Red Hash"-Demos – doch Higgins hatte eine bessere Idee. Er hatte seine Musik nämlich nie aufgegeben, sondern in all den Jahren als Hobby weiterbetrieben und war der Ansicht, es wäre ja vielleicht allmählich auch an der Zeit, sein zweites Album aufzunehmen. Cowie dürfte zunächst überrascht gewesen sein, schließlich aber einverstanden, und das Ergebnis ist: "Seconds". Und das darf man, in all seiner unspektakulären Selbstverständlichkeit, getrost als Songwriting-Meisterwerk betrachten. Es ist vom ersten Ton an offensichtlich, daß man's hier mit einem der Großen zu tun hat. Der Fluß ist da, die Dringlichkeit, und die Melodieführung erinnert (wenn überhaupt an jemanden) an Robert Wyatt. Man stellt sich gerne vor, was passieren würde, wenn dieser Mensch einen größeren Produktionsetat zur Verfügung hätte, denn die Kunst des Arrangierens beherrscht er offenbar genauso selbstverständlich wie die des Schreibens. Angesichts der Pressereaktionen auf Higgins' zweites Album sollte man allerdings annehmen, daß sein drittes nicht wieder 37 Jahre auf sich wird warten lassen. Und wer weiß, wie gut das dann wird… (2009)